Unsere Weihnachtsgeschichte für Sie
Post für den alten Mann 
Ganz oben im Haus, im vierten Stock, wohnte ein alter armer Mann. Dass er alt war, konnte jeder sehen. Er hatte weiße Haare, einen runden Buckel und schlurfte beim Gehen. Das Treppensteigen fiel ihm schwer, und er brauchte seine Zeit, bis er oben war.
Doch arm war der alte Mann eigentlich nicht. Er hatte ein gutes Auskommen mit seiner Rente, und ein volles Sparbuch hatte er obendrein. Dass er arm war, meinten nur die Leute, denen er im Treppenhaus begegnete und die er freundlich grüßte. ,,So ein armer alter Mann", sagten sie hinter seinem Rücken. Sie meinten damit, dass er arm war, weil er ganz allein lebte.
Der alte Mann hörte es manchmal und schüttelte darüber den Kopf. Er hatte viele Bücher, die er immer wieder las. Er hatte eine Menge Schallplatten, die er sich anhörte. Und er hatte einen Kasten voller Fotos, Briefe und Erinnerungen, in dem er dauernd kramte. Dabei summte er vergnügt vor sich hin und lachte auch manchmal. Es waren nämlich lauter schöne Erinnerungen an ein langes glückliches Leben, das er gehabt hatte.
Jeden Tag kochte er sich ein anderes Leibgericht. Hin und wieder schlummerte er in seinem Lieblingssessel ein. Und manchmal ging er ein Stück spazieren. Er machte überhaupt stets nur, wozu er gerade Lust hatte, und freute sich, dass es ihm so gut ging. Darum hatten die Leute im Treppenhaus auch nicht Hecht, wenn sie ihn arm nannten. Der alte Mann über- hörte gewöhnlich, was sie sagten.
In der Weihnachtszeit wurde es allerdings schlimm für ihn. Sie tuschelten so hinter ihm her, dass er gar nicht mehr gern ausging. Er hörte, wie sie sagten: ,,Ach, der arme, arme Mann! Immer allein!" Und: ,,Er kann einem richtig leid tun!"
Und dann wieder: ,,Gibt es denn niemanden,der sich um ihn kümmert?"
Aber es wurde noch schlimmer. Als der alte Mann nach einem Spaziergang oben vor seiner Wohnungstür verschnaufte, musste er anhören, wie die Postbotin sagte: ,,Der Arme! Nie kriegt er Post! Nicht ein mal zur Weihnachtszeit!"
Jemand antwortete: ,,Wie hält er das nur aus!"
Darauf sagte eine andere Stimme: ,,Gerade jetzt sollten sich Menschen gegenseitig viel Freude machen."
,,So ist es", meinte die Postbotin. ,,Das sollte sich manch einer hinter die Ohren schreiben."
Der alte Mann schloss seine Wohnung auf, ging hinein und setzte sich in den bequemen Lieblingssessel. Dort überlegte er eine Weile, ehe er entschlummerte.
Als er aufwachte, beschloss er, den Leuten im Treppenhaus eine Freude zu machen, weil sich das offenbar in der Weihnachtszeit so gehörte. Er hatte viel Arbeit damit, und er brauchte seine Zeit, bis er alles geschafft hatte. Zwei Tage später kam die Postbotin.
Der alte Mann beugte sich oben über das Geländer und lauschte. Er hörte, wie sie unten im Treppenhaus verkündete; ,,Heute kriegt der arme alte Mann ein Päckchen!"Jemand rief: ,,Ach, das ist aber eine Überraschung!" Jemand anders meinte-. ,,Das freut mich richtig für ihn." Der alte Mann nickte zufrieden.
Am nächsten Tag brachte ihm die Postbotin gleich drei Päckchen auf einmal. Danach er klärte sie im Treppenhaus:
,,Vielleicht ist der alte Mann gar nicht so arm dran, wie wir immer dachten."
Sie bekam zur Antwort: ,,Das wäre ja ein Glück!"
Und wieder nickte der alte Mann
Am Tag darauf kam die Postbotin kaum die Treppen hoch, so schwer war das große Paket,
das sie für den alten Mann schleppen musste. Unterwegs machte sie eine Pause und sagte: ,,Warum haben wir uns so viel Gedanken gemacht? Der alte Mann hat ja Menschen genug, die zu Weihnachten an ihn denken."
,,Dann ist er auch nicht allein", sagte irgendjemand. Und danach klappten die Türen.
Wenn der alte Mann jetzt im Treppenhaus den Leuten begegnete, erwiderten sie zwar freundlich seinen Gruß, aber sie steckten nicht mehr hinter seinem Rücken die Köpfe zusammen und nannten ihn arm. Es machte ihnen nichts mehr aus, dass er ganz allein lebte.
Am Heiligen Abend packte der alte Mann aus, was ihm die Postbotin gebracht hatte.
Im ersten Päckchen waren ein paar von seinen Schallplatten. In den drei anderen Päckchen waren einige seiner Bücher. Er war froh, dass das große Paket gut angekommen war, denn darin war der Kasten voller Fotos, Briefe und Erinnerungen. Der alte Mann hatte darum Angst gehabt, als er damit zum Postamt gegangen war. Im WeihnachtstrubeI gehen manchmal Pakete verloren. Dann wäre er tatsächlich arm dran gewesen. Jetzt war wieder alles da, woran sein Herz hing.
Der alte Mann summte vergnügt vor sich hin.
Margret Rettich
© 1986 by Annette Betz Verlag imVerlag

Carl Ueberreuter, Wien-München
 
  << zurück ins Auswahlmenü